La version allemande du bloc-notes "Avec Potrochenko" ( F.A.Z. , le 14 août 2014 )

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Beim ersten Wiedersehen mit Petro Poroschenko nach seiner Wahl zum ukrainischen Präsidenten finde ich einen veränderten Mann vor: Wir müssen seine Politik der Auflehnung gegen den Imperialismus aus dem Osten unterstützen.

Es ist das erste Mal, dass ich Petro Poroschenko seit seinem Wahlsieg vom Juni 2014 sehe. Der ukrainische Präsident empfängt mich in einem großen holzvertäfelten Saal, dessen Vergoldungen seltsam rosafarben glänzen. Kameras des ukrainischen Fernsehens werden die ersten Minuten des Interviews filmen.

Er erwähnt unsere Begegnung auf dem Majdan in den ungewissen Stunden der Revolution. Es war ein Sonntag im Februar, der Zufall der Vortragsordnung sah damals vor, dass wir uns auf dem Podium ablösten. Dann spricht er von jenem Tag, an dem ich ihn, einige Wochen später, mit Witali Klitschko und dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinschaft von Kiew nach Paris geholt hatte, um sie im Élysée-Palast mit Präsident François Hollande bekanntzumachen. Er erinnert auch an die vielen Meetings in Kiriwi, Dnjepropetrowsk, Dnjeprodzerinski, in all den russischsprachigen Städten, in die ich ihn während des Wahlkampfes begleitet hatte und in denen er mir das Privileg eingeräumt hatte, einleitend auf Französisch einen Gruß aus Europa auszusprechen.

Als die Kameras aus sind, geht es um den Krieg

Schließlich spricht er über meinen heutigen Besuch, auf dem Weg nach Odessa, wo ich am folgenden Tag im prachtvollen Rahmen der Staatsoper den Text des Theaterstückes vorlesen werde, das ich für Jacques Weber geschrieben habe. Die Uraufführung fand in Sarajewo statt, zur neuen Spielzeit wird Weber es im Herbst in Paris aufführen. Poroschenko fragt: „Warum Odessa?“ Wegen Isaak Babels und seiner Roten Kavallerie, Herr Präsident. Wegen Eisensteins und der großen Treppen in „Panzerkreuzer Potemkin“. Aber vor allem, ja vor allem, weil dieses Stück – auch – eine Hommage an die neue Ukraine ist und Odessa eine Stadt ist, in der man Russisch spricht, aber, vor allem anderen, ukrainischer Patriot ist…

Als die Kameras sich verabschieden, kommen wir schnell zum Wesentlichen: dem Krieg. Seinem Krieg. Dem, den ihm vom Kreml besoldete separatistische Haudegen aufgezwungen haben und den er gerade dabei ist zu gewinnen. Und dann das Wesentliche vom Wesentlichen: die Mistral-Hubschrauberträger (es sind nicht zwei, sondern vier), die Frankreich an Russland verkauft hat und deren Lieferung nicht nur von Putin als eine Unterstützung seiner Politik interpretiert würde, was in der aktuellen Lage äußerst ungelegen käme, sondern eine sinnlose Gefährdung der privilegierten Beziehungen zwischen Frankreich und der Ukraine bedeuten könnte.

Ich sage Poroschenko, dass viele Franzosen – allen voran, wie mir scheint, der Präsident – so denken wie er und hoffen, dass man noch einen Weg findet, ehrenvoll aus dieser Falle herauszukommen. Ich informiere ihn auch darüber, dass es zwei mögliche, sehr konkrete Lösungen gibt, die meines Wissens gerade auf ihre Umsetzbarkeit geprüft werden. Der eine Vorschlag kommt aus Deutschland und wurde Hollande am Gedenktag des hundertsten Jahrestages des Attentats auf Jean Jaurès präsentiert. Er sieht vor, dass die Europäische Union die vier Mistral-Verträge im Auftrag eines ihrer Mitgliedstaaten zurückkauft oder, noch besser, im eigenen Auftrag, was als Taufakt der bislang nie realisierten „gemeinsamen Verteidigung“ angesehen werden könnte.

Eine historische Figur

Die andere Möglichkeit, die ich angedeutet habe, würde ebenfalls einen Rückkauf der Hubschrauberträger durch die Europäische Union vorsehen, allerdings diesmal zugunsten der Ukraine. Diese Lösung durch einen Langzeitkredit zu besonders günstigen Konditionen wäre für die Ukraine endlich ein Zeichen jener „europäischen Solidarität“, die man ihr seit Monaten verspricht.

Petro Poroschenko hört zu. Waleri Chaly, sein engster Mitarbeiter, notiert. Der Präsident antwortet mir, dass die Idee symbolträchtig und natürlich willkommen sei. Allerdings fügt er auch hinzu, dass es jetzt vor allem dringlich sei, sich mit hochentwickelten Waffen auszurüsten, und dass Frankreich eines der wenigen Länder sei, die diese liefern könnten. Das würde erstens ermöglichen, Putin davon abzubringen, sich weiter in diesem kriminellen Krieg zu engagieren. Zweitens die terroristischen Milizen von Donezk endgültig und ohne allzu großen Schaden für die Zivilbevölkerung zur Vernunft zu bringen. Und drittens ohne weitere Verzögerung die Bedingungen für einen Frieden schaffen, den die überwältigende Mehrheit der Ukrainer wünsche.

Petro Poroschenko hat jetzt, in diesem Moment, nur noch wenig mit dem Schokoladenkönig gemeinsam, den ich noch vor sechs Monaten kennengelernt hatte. Ebensowenig wie mit dem frommen Mann, den ich eines Morgens vor einem Meeting dabei überraschte, wie er andächtig in einer kleinen orthodoxen Kirche betete. Mit seinen massiven Schulterpolstern, seinem gotischen Gesicht und der Aura eines lauernden Raubtiers sieht er aus wie der junge Tito auf den seltenen Bildern der Pariser Zeit, als der jugoslawische Kommunist Kämpfer für die Internationalen Brigaden in Spanien rekrutierte.

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Mit seiner einfachen, aber unwiderlegbaren Logik, mit dieser neuen Art, seine Entscheidungen ganz selbstverständlich wahr und gerecht erscheinen zu lassen, hat Poroschenko etwas von den Widerstandskämpfern, von denen der Résistance-Kämpfer Georges Canguilhem gesagt hat, dass sie aus Logik kämpften, nicht aus Freude. Nicht wegen eines besonderen Charakterzugs, sondern weil es für sie keine weisere Entscheidung gab.

Kriegschef wider Willen, Wächter eines Europas, von dem er inzwischen fast genauso überzeugt ist wie von der Ukraine, standhafter Gegner Putins in einer Zeit, in der sich viele Amtskollegen lieber ducken und Kompromisse mit dem russischen Präsidenten suchen, tritt Poroschenko heute in die Reihe historischer Figuren ein, die mich immer fasziniert haben. Sie alle verbindet, an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben vom Schicksal erfasst worden zu sein und auf ihre innere Stimme gehört zu haben, die den Weg zur Erhabenheit gewiesen hat. Zu Mut und Würde. Erhabenheit der Politik, wenn sie zu Geschichte wird. Die Macht im Dienste der Vernunft, und nicht umgekehrt. Wir müssen den Präsidenten Poroschenko unterstützen. Wir müssen seine Politik der Auflehnung gegen den Imperialismus aus dem Osten unterstützen.

Bernard-Henri Lévy


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