La version allemande du Bloc-Notes de Bernard-Henri Lévy : "Adresse à la droite républicaine confrontée à la nouvelle offensive lepéniste" (Die Welt, 3 mai 2012)

Die-Welt-logo1-300x57Mein letzter Notizblog hat eine Lawine von Reaktionen, Leserbriefen und Kommentaren ausgelöst. Also: Ich präzisiere. Der Front National ist nicht eine Partei der Rechten, sondern der extremen Rechten. Zwischen der Rechten und der extremen Rechten gibt es den gleichen Wesensunterschied, die gleiche Art von Barriere, von der wir einst sagten, dass sie zwischen der Linken und der extremen Linken besteht, oder wie es die Dissidenten in Mitteleuropa ausdrückten: zwischen der moderaten und der totalitären Linken.

Die Linke wäre fast an ihrer Nähe – und sei es nur einer semantischen Nähe – zum Kommunismus gestorben (und ich habe nie aufgehört, das zu wiederholen, von meinem ersten Essay « La barbarie à visage humain » 1977 bis zu « Ce grand cadavre à la renverse » von 2007). Einem Kommunismus, von dem schon Camus sagte, dass er für die Hälfte der Menschheit nicht ein anderes Wort für « Hoffnung » ist, sondern für « Brandwunde », also ein Schimpfwort.

Ein Grundfehler der Linken, die ständige Quelle ihrer Verblendungen (und einst ihrer Ehrlosigkeit), war diese hartnäckige Idee einer großen Familie (« die » Linke), innerhalb derer die Sozialdemokratie eine Strömung war und der Stalinismus, der Leninismus, kurz, der Totalitarismus eine andere Strömung. Nun ja, mutatis mutandis: Heute geht es der Rechten genauso.

Wir sehen den gleichen tödlichen Kampf der Konservativen mit den Nachfolgern (die so stolz darauf sind, es zu sein) dieser anderen Totalitaristen, die einst den Front National auf den Ruinen von Vichy gegründet haben. Wir erleben das gleiche gnadenlose Gefecht der Konservativen mit der Kronprinzessin des alten Chefs Jean-Marie Le Pen, der auf so intensive wie morbide Weise fixiert war auf Antisemitismus, Rassismus, Hass auf die Demokratie, die Kultur und die Intelligenz (und dies immer noch ist).

Es ist die gleiche Falle wie einst bei der Linken. Ich rede gar nicht von politischen Allianzen oder einem ordentlichen festgeschriebenen Bündnis. Es reicht alleine die Rhetorik oder das Werben um verirrte Stimmen. Es reicht schon die simple Wendung, mit der man die Wähler der UMP und die der « Marine-blauen Welle » einfach in einem « rechten Block » zusammenzählt. Man tappt schon in diese fatale Falle, wenn man auch nur anklingen lässt, dass es vielleicht eine Art von Affinität geben könnte oder eine unterbrochene Zugehörigkeit, oder eine Gemeinschaft – und sei es eine vage – der Herkunft und des Patrimoniums zwischen der zivilisierten Rechten und den Obsessionen einer Kandidatin, die durch ihr Erbe, ihre Entourage und ihr Temperament nichts anderes verfolgt als die « Rekomposition », das heißt im Klartext Zerstörung der republikanischen und liberalen Rechten.

Ihr Erbe: die faschistische Tradition, die Madame Le Pen laut und deutlich übernimmt, wenn sie auf die Frage der israelischen Zeitung « Ha’aretz » zu den Verbrechen der Kollaboration lauthals aufschreit und erklärt, dass sie « nichts Schlechtes über mein Land » sagen will.

Ihre Entourage: eine Menge von Beratern, Parteikadern, alten und jungen Notabeln, die ihre Nähe bekennen, zum Negationismus der eine, der andere zum Hitlerismus, der Dritte zu den nazistischen Gründervätern jener Dynastie, die seit fast einem halben Jahrhundert in Syrien regiert.

Schließlich ihr Temperament: jene aufrührerische Ader, die automatisch anschwillt, wenn Madame le Pen ihre Absicht kundtut, sie werde – wenn sie ins Parlament einzieht – « alles kaputt machen » (wie in den guten alten Zeiten des antirepublikanischen Poujadismus der Fünfzigerjahre).

In dem Krieg, den sie den Liberalen von der UMP erklärt haben, werden die Neofaschisten des Front National keine Gefangenen machen – wenn die Ersten einen Kompromiss andeuten, eine gütliche Einigung, ein Nachgeben, sind sie tot.

Noch ein Letztes. Als Antwort auf den Einwand jener, die schrieben, es stehe mir als Wähler von François Hollande nicht zu, mich in die Angelegenheiten einer Rechten einzumischen, die einen Anspruch darauf habe, « ihre schmutzige Wäsche innerhalb der Familie zu waschen », eine allerletzte Bemerkung.

Zunächst, ich wiederhole das, ist eben genau diese Idee einer politischen « Familie » der erste und große Fehler – es ist dieses Band, das man zerschneiden muss, weil man sich, wenn man es erhält und pflegt, sein eigenes politisches Grab schaufelt. Und nun dies: Wenn man eine Lehre aus dem furchtbaren 20. Jahrhundert ziehen kann, dann, dass diese Sache mit der sogenannten Familie niemals stimmt – es handelt sich vielmehr um einen Nahkampf, von dessen Ausgang unser aller Schicksal abhängt.

Es ist die Linke, die traditionellerweise immer verkündet: « Der Faschismus wird nicht siegen. » Aber es ist die Rechte, die darüber entscheiden wird, ob er am Ende siegt oder nicht – durch ihre Fähigkeit, zu widerstehen, durch ihre Entschlossenheit, nicht in die Falle zu tappen, durch ihr Ehrgefühl ebenso wie ihre Einsicht in die Kräfteverhältnisse.

Jedes Mal, wenn die Rechte zurückgewichen ist, hat der Faschismus gesiegt. Jedes Mal, wenn sie standgehalten hat, jedes Mal, wenn sie ihrer Seele gefolgt ist und nicht kurzsichtig ihre Interessen verteidigt hat (die sie dann gleich darauf meistens wieder aufgab), jedes Mal, wenn sie lieber das Risiko einging, eine Wahl zu verlieren als ihre Ehre, konnte der Faschismus aufgehalten werden.

Heute beginnt, fast 40 Jahre nach seiner Gründung – und unabhängig vom Ausgang der Präsidentschaftswahl – die wahre Schlacht gegen den Front National. Diese Schlacht wird in erster Linie – aus Berufung und von Natur aus – die Sache der Erben von Alexis de Tocqueville, Raymond Aron oder General de Gaulle. Von ihrem Ausgang hängt das Heil der republikanischen Idee ab.

Bernard-Henri Lévy

Aus dem Französischen von Rainer Haubrich


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