La version allemande du reportage de Bernard-Henri Lévy à Misrata dans la FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung 13 Juin 2011)

FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Auf Malta mieten wir auf gut Glück ein Schiff, denn da Misrata von Gaddafis Truppen eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten ist, kann man nur übers Meer dorthin gelangen. Nach zahlreichen Ablehnungen finden wir einen Seemann, der sich, weil seine Tochter in der kommenden Woche heiratet und er sich für die Hochzeit verschuldet hat, in letzter Minute bereit erklärt, die Überfahrt zu wagen, mit mir und den Mitgliedern der libyschen Opposition, die mich von Frankreich aus begleitet haben: Ali Zeidan, Mansur Sayf al-Nasr und Souleiman Fortia.

Ohne Instrumente, die diesen Namen verdienen, und ohne brauchbare Seekarten fahren wir eine Nacht, einen Tag und eine weitere Nacht, bevor wir die Märtyrerstadt Misrata erreichen. Auf dem verlassenen, in tiefste Dunkelheit gehüllten Pier, auf dem – bis auf eine Salve aus einer Kalaschnikow, gerade als wir anlegen – kein Laut zu hören ist, erwarten uns Vertreter der Stadt und General Ramadan Alzarmouh, der Kommandeur der Aufständischen.
Wir fahren in eine fast völlig verdunkelte Stadt ohne elektrischen Strom, nur ein Halbmond am schwarzblauen Himmel über den ersten Ruinen. Kein Wasser – das ist schwierig. Kein Gas zum Kochen – ich will nicht sagen, das sei fast alltäglich, aber da es, wie ich bald feststelle, fast gar nichts zu essen gibt, kommen die Einwohner damit zurecht. Aber keine Elektrizität. Es gab ein Kraftwerk, das die Panzer unablässig beschossen, bis auch der letzte Öltank explodierte. Acht Stunden lang brannten die Tanks. In der Nacht, in der das geschah, verloschen die letzten Lichter in der Stadt. Dichte, mit Asche durchsetzte Wolken bildeten sich, die wie in Fukushima bis in diese letzten Stunden über der Stadt hingen. Und statt des Kraftwerks, das ihr ganzer Stolz war, fanden die Einwohner von Misrata am Morgen jene Ruine, die ich nun im Scheinwerferlicht des Wagens erkenne, der uns am Hafen erwartete und in den wir uns gemeinsam mit unseren libyschen Freunden gezwängt haben – verbogene Armierungen, geschmolzene Stahlträger, rußgeschwärzte und verzogene Bleche, geplatzte Rohrleitungen, riesige zerfetzte Stahlplatten, Leitungen, die ins Leere herabhängen wie umgekehrte Kronleuchter, und ein Rest vom Dach, der unversehrt geblieben ist, den aber die Flammen so stark gerötet haben, dass man ihn für einen goldenen Fries an der Auskragung eines Tempels halten könnte.

Ohne alle Schmerz- und Betäubungsmittel

Wir fahren bis zum jetzt in Trümmern liegenden „Café Central“, diesem Ort der Gastlichkeit, diesem Raum der Freiheit, einem der wenigen Orte, an denen die jungen Leute der Stadt zusammenkommen, lachen und von einer besseren Zukunft träumen konnten – einer Zukunft ohne Gaddafi vielleicht. „Das hat man ihnen nicht verziehen“, sagt Abdelhamid Fortia, Sohn des Vertreters der Stadt im Nationalen Übergangsrat, Absolvent einer großen britischen Schule, der wie sein Vater mit uns hierhergereist ist. Deshalb habe man das Café bis auf den letzten Plastikstuhl und die letzte Jukebox zerstört.

Am Morgen suchen wir den Ort auf, an dem Tim Hetherington und Chris Hondros, die beiden mutigen Fotografen, am 20. April ums Leben kamen: dieses zerfetzte Gebäude an der Kreuzung der beiden Hauptschlagadern der Stadt; das Loch in der Fassade, durch das Tim zu kriechen versuchte, als die explodierende Granate ihn traf; und die Tränen in den Augen Mohsins, des Nachbarn, der ihn im Trommelfeuer der Granaten wiederzubeleben versuchte, bevor man ihn ins Krankenhaus bringen wollte. Und dann das Krankenhaus, in dem Dr. Khalid Abuflaga völlig erschöpft und ohne Hilfsmittel – vor allem ohne alle Schmerz- und Betäubungsmittel – an diesem Tag schon den sechzigsten Schwerverletzten zählt, den man von der Front dorthin bringt und der zu den 6000 anderen und den 1600 Toten der vergangenen Wochen hinzukommt. Schwerverletzter bedeutet in Misrata: halb abgerissene Köpfe, zerfleischte Gesichter, zerstückelte Leiber, Schreie.

Am Tag zuvor sind wir an die Front gefahren, in einen Ort namens Abdul Raouf, wo die Aufständischen in den Dünen – zwischen den Fahnen des freien Libyen eine französische Flagge – verteidigen, was von ihrer Stadt geblieben ist. Aus alledem ziehe ich drei Lehren.
Der unglaubliche Mut der Bürger

Ich habe noch nie eine Stadt gesehen, die so systematisch zerstört wurde wie Misrata. Ich erinnere mich an Huambo in Angola. An Abyei im Südsudan. Ich habe das Martyrium von Sarajevo und Vukovar erlebt. Aber ich sehe diese Trümmer in der Tripolis-Straße. Dieses entbeinte Rathaus. Diese in die Luft gehobenen und in sich zusammengestürzten Gebäude. Oder dieses andere Gebäude, in dem sich ein Scharfschütze verschanzt hatte. „Man konnte ihn gar nicht stoppen“, sagt Khalifa Azwawi, der Vorsitzende des Stadtrats. „Man müsste ihn fast einen Serienscharfschützen, einen Besessenen nennen. Vielleicht war er verrückt geworden, einfach verrückt. Sie wären wirklich beinahe verrückt geworden in dem Haus gegenüber, auf das er schoss. Warum soll der allgemeine Wahnsinn nicht auch ihn gepackt haben?“

Ich sehe all das. Diese reine Lust am Schießen, am Töten, am Zerstören. Und ich sage mir, dass man in Misrata den Gipfel des städtemörderischen Irrsinns unserer Zeit erreicht hat. Ja, Städtemord! Dieser Ausdruck, den zu Beginn des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien Bogdan Bogdanovic, der Bürgermeister von Belgrad, geprägt hat. Diese Idee, die ähnlich der des Völkermords, Vorsatz, Planung, Programm voraussetzt. Genau das muss hier stattgefunden haben. Genau das muss hinter dieser Operation gestanden haben, in der man die Stadt aufschlitzte, um sie anschließend auszuweiden. Diesen Plan der Vernichtung einer Rebellenstadt kann man unmöglich hier im Feuer des Kampfes gefasst haben, sondern nur höheren Orts, in der Hauptstadt Tripolis. Und hätte ich noch einen Zweifel am geplanten Charakter dieses Städtemords gehegt, er wäre vergangen, als mir in einem Winkel des zerstörten Rathauses, den die Granaten wie durch ein Wunder verschont haben, ein geisterhafter städtischer Bediensteter eine Art Museum zeigt, in dem er mit Klebestreifen an die Wand geheftet hatte: Fotos der Märtyrer des Viertels, einschließlich der am 20. April ermordeten angelsächsischen Fotografen; gut hundert Pässe von Söldnern aus Nigeria, Mali und dem Tschad, die von den Aufständischen getötet oder gefangen genommen worden waren; die falschen Hundertdollar- oder Hunderteuroscheine, mit denen Gaddafi sie bezahlt hatte; und schließlich ein vergilbtes Platt Papier, das offiziell wirkt, obwohl es von Hand gezeichnet und geschrieben ist, und auf dem man den Plan für die Belagerung und Eroberung der Stadt erkennt. Welch ein Geständnis!

Die zweite Sache, die ich sehen musste, um sie zu glauben, ist der unglaubliche Mut, den die Bürger der Stadt beweisen. Warschau leistete Widerstand und musste sich am Ende doch ergeben. Die spanischen Städte hielten stand, aber auch für sie kam irgendwann die Stunde, da sie die Waffen strecken mussten. Sarajevo hat sich heldenhaft gewehrt, aber dort standen die Panzer nicht in der Stadt, sondern wie die Scharfschützen auf den Höhen der Umgebung. Hier jedoch waren Gaddafis Panzer bereits in der Stadt. Aber auch wenn die Nato einige davon zerstörte, mussten doch die wichtigsten dieser gut ein Dutzend Panzer, die von den Gaddafi-Anhängern neben Moscheen oder ganz in der Nähe der wenigen Stellen postiert worden waren, an denen die Bevölkerung sich mit Wasser versorgen konnte, und die Panzer, die man vor dem Krankenhaus und selbst in dessen Inneren in Stellung gebracht hatte und die besonders schwer zu treffen waren, von den Einwohnern selbst mit fast bloßen Händen und einem unerhörten Mut unschädlich gemacht werden.
Eine Rückeroberung ohne Beispiel

Man warf Molotowcocktails in die Mündung der Kanonen. Man schleuderte Handgranaten in die Türme wie hier bei dem Skelett dieses Panzers, der die Parallelstraße zur Bengasi-Straße in voller Länge unter Beschuss nehmen konnte und bei dem wir voller Entsetzen frisch verbrannte menschliche Schienbeinknochen sahen. Man feuerte mit RPG7-Panzerfäusten auf Panzer, aus allernächster Nähe, Körper an Körper mit dem stählernen Ungeheuer. Mit ungeheurem Einfallsreichtum ersannen Studenten, Ingenieure, Soldaten im Ruhestand (die Urheber solcher Geniestreiche werden immer unbekannt bleiben) Listen wie diese: Man tränkte Teppiche in Öl und legte sie nachts, wenn die Besatzung schlief, vor die Ketten des Panzers, so dass er, wenn es wieder losging, manövrierunfähig war. Oder auch folgende List: Für den Fall, dass die Aufständischen angreifen wollten, aber die Nato nicht da war, um ihnen Deckung zu geben, oder für den Fall, dass sie zu schwach waren und Gaddafis Truppen diese Schwäche nutzten, um vorzurücken, ersannen sie einen Geniestreich, der darin besteht, über die Lautsprecher der Moscheen statt des Aufrufs zum Gebet den aufgezeichneten Lärm von Flugzeugen auszustrahlen.

Misrata hat widerstanden. Misrata wird immer noch belagert, aber der größte Teil der Innenstadt ist befreit. Haus für Haus, Straße für Straße, wobei man den Vormarsch immer wieder durch Barrikaden aus umgestürzten Lastwagen, Containern oder Bulldozerladungen Sand absicherte, hat Misrata innerhalb von vierzig Tagen einen infernalischen Angriff zurückgeschlagen. Und für solch einen mit bescheidensten Mitteln realisierten, bisher jedenfalls siegreichen Vormarsch, für solch eine geduldige, aber standhafte Rückeroberung, dafür kenne ich kaum ein Beispiel.
Wo ist die Armee des freien Libyen?

Die dritte Lehre schließlich lautet, dass aus der Schlacht um Misrata eine echte Armee hervorgegangen ist – diszipliniert, kriegserfahren, im Straßenkampf erprobt und vor allem furchterregend effizient. An den Fronten der Kyrenaika habe ich tapfere Menschen gesehen. Ich habe unerschrockene Chebabs bewundert, die bereit sind, jede Gefahr auf sich zu nehmen, um den Geist und die Einwohner von Bengasi zu verteidigen. Nur dass es die Flugzeuge waren, die Bengasi retteten, kurz bevor die Panzer die Stadt einkesselten. Sie waren es, die mit Unterstützung Frankreichs und Großbritanniens das Blutbad verhinderten. Während hier in Misrata die Panzer bereits in der Stadt waren und die Bewohner die Arbeit der Flugzeuge übernehmen und die Panzer im Bodenkampf Mann gegen Mann zerstören oder zurückdrängen mussten. Ich habe im westlichen Teil der Stadt die geheimen Werkstätten besucht, in denen die Aufständischen ihre Waffen herstellen. Ich habe die Schrotflinten gesehen, die man zu 12-Millimeter-Gewehren umbaut. Die Munitionsgurte, die man aus feindlichen Panzern herausgeholt hat und zerlegt, um sie an die auf Pick-ups montierten Maschinengewehre anzupassen. Ich habe jene kleinen Lieferwagen gesehen, wie Kleinhändler sie für den Transport von Gemüse benutzen und die an der Vorderfront mit zwei Stahlplatten gepanzert werden, zwischen die man Beton gießt, so dass sie als Rammböcke dienen können. Ich habe auch solche gesehen, an deren Heck man hinten und seitlich Stahlplatten angeschweißt hat, so dass sie wie der Streitwagen Ben Hurs aussehen.

Und schließlich habe ich an den Fronten Männer gesehen, die bedrückt, aber nicht gebrochen, erschrocken, aber dennoch entschlossen waren. Ich habe Männer gesehen, die durchs Feuer gegangen sind und, ausgemergelt, von Erschöpfung und Hunger gezeichnet, bereit sind, dem feindlichen Feuer standzuhalten und es mit ihren zusammengebastelten Waffen zu erwidern. Wo ist die Armee des freien Libyen? Die Armee, die, wenn die Zeit gekommen ist und die französischen Hubschrauber ihnen den Weg gebahnt haben, nach Tripolis marschieren könnte? Sie ist hier – in Misrata.


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