Malraux' Erbschaft? Bernard-Henri Lévy und Libyen (Patrick Straumann, NZZ online, 25 mars 2011)

NZZZPatrick Straumann ⋅ Bernard-Henri Lévy ist nicht der subtilste unter den französischen Intellektuellen, er besitzt jedoch eine vernehmbare Stimme und bewegt sich auf mehreren Tätigkeitsfeldern. In den letzten Tagen hatte er sich, obschon ein bekennender Sozialist, als inoffizieller Berater der Aussenpolitik hervorgetan. In Paris wurden Berichte, laut denen die französische Unterstützung des libyschen Aufstands auf seine Initiative zurückzuführen ist, mehrheitlich kritiklos zur Kenntnis genommen. Im Lauf einer Reise nach Benghasi soll Lévy dem Präsidenten telefonisch vorgeschlagen haben, den «libyschen Massud» nach Frankreich einzuladen. Seinen Aufenthalt in der Küstenstadt hatte Lévy überdies zu einer Intervention in den Fernsehnachrichten genutzt, um sozusagen von der Frontlinie eine Unterstützung der Rebellion zu fordern. Als Sarkozy den Rat der libyschen Opposition kurz darauf als rechtmässigen Vertreter des Landes anerkannte, gastierte der geländegängige Schriftsteller im Elysée-Palast, während sich der Aussenminister Alain Juppé an einer Tagung in Brüssel befand. – Die ausländische Presse, die sich schon öfters über die «telegene Figur» mokiert hatte, bemerkte mit Erstaunen, wie leicht sich Bernard-Henri Lévy den politischen Machtzentren nähern konnte. Tatsächlich kann man sich fragen, ob sein Einfluss in dieser Angelegenheit nicht überschätzt wird. Jenseits der konkreten Geschehnisse erhellt diese Allianz jedoch auch eine spezifisch französische Form des intellektuellen Engagements, das sich gemeinhin auf Zola und Malraux beruft und mit Lévys Anspruch auf eine militärische Beraterrolle einen bisher wohl unerreichten Ausdruck erlangt hat.

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Moralisch lässt sich Lévys Einsatz für die «Volksrevolutionen» wohl nicht im Vorhinein verwerfen. Als Exponent einer postkommunistischen Denkströmung hatte er sich stets auf eine antitotalitäre Überzeugung berufen und sein Schreiben als einen Akt verstanden, der sein Ziel erst in seiner realpolitischen Umsetzung erreichen kann. Problematischer sind die Methoden: Lévys Texte sind oft zu wenig akkurat formuliert, ihr subjektiver Stil hat zudem die Tendenz, der beschriebenen Realität ungesehene Konturen zu verleihen. So musste er seine Schilderung einer im Sommer 2008 bombardierten Stadt Georgiens von einer Augenzeugin öffentlich korrigieren lassen. Im Versuch, entsprechende Vorwürfe zu verwässern, hatte Lévy bereits 2003 seine Reportage über die Ermordung des Amerikaners Daniel Pearl eine «romanquête» genannt, eine «romanhafte Untersuchung», und als schreibtechnisches Vorbild Hermann Brochs «Der Tod des Virgil» genannt – ein Vergleich, der wohl nur aufgrund des schwachen Bekanntheitsgrads von Brochs Roman ohne Widerspruch blieb.

In einem Appell, der Anfang März in «Le Monde» publiziert wurde, hatte Lévy die Situation in Libyen nun mit Guernica verglichen und dabei auf die visionäre Reaktion Picassos verwiesen. Dass dieser eloquente Aufruf zur internationalen Solidarität innenpolitisch auf Resonanz stossen kann, liess auch eine Ende Februar anonym formulierte Kritik von Diplomaten erahnen, die den Werteverlust der französischen Aussenpolitik beklagten und dem Präsidenten vorwarfen, Ben Ali und Mubarak entgegen ihren Empfehlungen zu den «Südsäulen» des Mittelmeerraums gemacht zu haben. Insofern war Lévy der Regierung bei ihrer diplomatischen Kehrtwende bestimmt auch hilfreich: Noch vor wenigen Monaten hatte Frankreich die Hoffnung gehegt, Ghadhafi Militärjets verkaufen zu können.

Kritik an Lévys Coup kam vor allem aus dem akademischen Lager. Der Historiker Tzvetan Todorov erinnerte an die «Lektionen, die Goya aus Napoleons Versuch gezogen hatte, Spanien die Menschenrechte zu bringen». Rony Brauman, der am Institut des Sciences Politiques unterrichtet, äusserte ebenfalls seine Zweifel, ob die internationale Allianz die Konsequenzen der Intervention tragen kann. Lévy scheint sich allerdings nicht auf eine Diskussion um die Folgen des Kriegs einzulassen. Eher erinnert er an die Kontinuität seines Einsatzes. 1992, als Sarajevo belagert wurde, hatte er eine Begegnung zwischen Mitterrand und dem bosnischen Präsidenten Izetbegovic organisiert. Auch damals war der Aussenminister nicht zugegen.


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