La version allemande du Bloc-Notes de Bernard-Henri Lévy "Madame Le Pen n'aime pas la France" (Die Welt, 25 janvier 2012)

Welt Online (1)Es lässt sich leider nicht vermeiden, über die Front National zu sprechen – und über die Faszination, die diese Partei erneut auszuüben scheint, links wie rechts, im Arbeitermilieu ebenso wie bei der konservativen Wählerschaft.

Wie üblich wurde eine falsche Spannung um die Frage der 500 Unterschriften von Bürgermeistern aufgebaut, die Madame Le Pen für eine Präsidentschaftskandidatur benötigt und die sie offenbar Mühe hat zusammenzubekommen.

Das wird sie uns dann aber im richtigen Moment als einen ersten und heroischen Sieg über das Establishment präsentieren, von dem sie mundtot gemacht werden solle. Schon jetzt lässt sich, unter Vorbehalt einer detaillierteren Analyse und ohne diese Entwicklung abzuwarten, eine Reihe von Fakten in Erinnerung rufen, die leider nicht zu leugnen sind.

Die Veränderung der Front National ging nicht so weit

Es ist wohl wahr, dass Madame Le Pen mit großer Energie versucht, ihre Partei zu entdämonisieren und den Eindruck zu erwecken, dass sie sich geändert habe.

Aber es ist nicht weniger wahr, dass diese „Veränderung“ noch nicht zu einem klaren, vorbehalts- und nuancenlosen Widerruf jener antisemitischen Provokationen geführt hat, für die ihr Vater solch eine Vorliebe hatte.

Die Veränderung ging nicht so weit, dass man ihr im vergangenen Jahr vor dem Kongress, der sie befragte, irgendein Wort oder eine Geste des Protestes entlockt hätte, dass ihr Vater über einen von seinem Sicherheitsdienst belästigten Journalisten sagte, „es war weder seinem Ausweis noch – wenn ich das sagen darf – seiner Nase anzusehen“, dass dieser Jude sei.

Die Veränderung ging auch nicht so weit, das mehr als dämonische Treiben der regionalen Funktionäre zu unterbinden, die sich regelmäßig hervortun – und die, wenn sie allzu offensichtlich handelten, aus der Schusslinie genommen oder vorübergehend suspendiert wurden: wie jener Yvan Benedetti, der sich vergangenes Jahr auf seiner Internetseite damit brüstete, „antisemitisch, antizionistisch, antijüdisch“ zu sein; oder wie jener Alexandre Gabriac, der sich dabei fotografieren ließ, wie er vor einer Naziflagge den Hitlergruß machte.

Fragwürdige Loyalitäten

Die Veränderung hindert Madame Le Pen auch nicht daran, einen Teil der Kommunikation der „neuen“ Partei einem Ex-Präsidenten der rechtsextremen studentischen Verbindung GUD anzuvertrauen, der sozusagen das gesamte Spektrum der Infamie abdeckt: Bewunderer Mussolinis; eifriger Unterstützer der libanesischen Hisbollah; Unterstützer Baschar al-Assads, dem er, als Ende März 2011 die weltweit verurteilten Massenmorde begannen, nicht zu schreiben zögerte :

„Die zionistische Lobby (in deren Diensten die französische Presse steht) träumt davon, Ihr wunderbares Land zu destabilisieren; alle jene, die direkt oder indirekt an diesen Aufständen teilnehmen, machen sich zu Komplizen dieser Lobby“.

Die Veränderung hat sie selbst nicht daran gehindert, exakt der Linie ihres Vaters zu folgen, der einst Saddam Hussein pries. Oder der, im Algerien der 90er-Jahre, den „kosmopolitischen Jeans“ jener Menschenrechtskämpfer, deren Babys vor ihren eigenen Augen in Stücke geschnitten wurden, die „nationalistische Djellaba“ der Bewaffneten Islamischen Gruppe GIA entgegensetzte.

Es hat sie nicht daran gehindert, sage ich, eine der letzten zu sein, die Gaddafi noch bis wenige Stunden vor seinem Niedergang weiterhin unterstützt hat.

Sie beschimpft Lagarde als „Amerikanerin mit französischem Pass“

Ein weiterer Punkt, der nicht gerade für Veränderung spricht, ist das Recycling der alten Mégret-Anhänger und anderer Ideologen des GRECE (Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne), das in den 80er-Jahren ein intellektuelles Labor für einen angeblich wissenschaftlichen Neorassismus war.

Hinzu kommen die Entgleisungen von Madame Le Pen, wenn sie in den ausländischen Wurzeln der Grünen-Kandidatin ein Hindernis für deren Kandidatur sieht. Oder wenn sie in einer Pressemitteilung mit dem Titel „Für die Staatenlosen muss Frankreich schariakonform werden“ die angeblich düsteren Machenschaften der G20 anprangert, die „die Einführung der Scharia“ unterstütze – „in unserer von unbeugsamen Franzosen bevölkerten Nation, die es ablehnen, sich der Globalisierung zu unterwerfen“.

Oder aber wenn sie sich der Worte Léon Degrelles bedient, einem der Gründerväter des französischen Sprachnazismus, und die IWF-Chefin Christine Lagarde als „Amerikanerin mit französischem Pass“ beschimpft, die vor der „Lobby der angelsächsischen Bankster“ klein beigebe.

Ganz zu schweigen von diesem hasserfüllten, unverschämten, bisweilen merkwürdig vulgären Ton, wenn sie die „bezahlten Kollaborateure“ verspottet und andere „Doppelagenten“ dessen, was sie die „Kaste“ nennt und was ihr Bemerkungen entlockt, die einer 30er-Jahre-Rhetorik der äußersten Rechten würdig wären.

Dumpfe, mysteriöse Abscheu vor ihrem eigenen Land

Der Stil, das ist der Mensch.

In der Politik hat die Rhetorik das entscheidende Wort, manchmal auch das letzte.

Und in den Übertreibungen von Madame Le Pen, in ihrem Hang zu Beschimpfungen, in ihrem Leibwächter-Humor und ihren ranzigen Polemiken liegt etwas, das nichts Gutes für die beginnende Kampagne verheißt.

Was ihr Programm anbelangt, ihre Art, aus Prinzip alles anzuprangern, was die Führungskräfte unseres Landes – seien sie rechts oder links – an Vernünftigem und bisweilen Großem geleistet haben, so wird man dies wahlweise dem demagogischen Willen zuschreiben, Unzufriedenheit und Hoffnungslosigkeit zu schüren; oder einem Radikalismus, der in Europa schon immer das Markenzeichen der sogenannten revolutionären oder gegen das System gerichteten Rechten war; oder einer dumpfen, mysteriösen Abscheu, deren Symptome und Gründe eines Tages erforscht werden müssen, einer Abscheu vor dem Land, dessen verlorene Unschuld sie zu verteidigen vorgibt.

Madame Le Pen mag Frankreich nicht.

Aus dem Französischen von Céline Lauer


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